Heute bin ich blond!

Das Ernst Deutsch Theater ist das größte, private Sprechtheater in Deutschland. Auch wenn ein paar Jahre ins Land gegangen sind, bis ich dieses Theater in mein Besucher-Repertoire aufgenommen habe, möchte ich dies nicht mehr missen. Der Intendantin Isabella Vértes-Schütter gelingt der Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen wirtschaftlichem Kalkül und und künstlerischem Mut. Dementsprechend sollte man sich als junger Mensch von der augenscheinlichen Altersstruktur der Besucher nicht abschrecken lassen.

Heute bin ich blond

Genug der einführenden Worte. „Heute bin ich blond!“ heißt die aktuelle Produktion des Ernst Deutsch Theater (Laufzeit: 2. Oktober bis 8. November). Mit dem Stück in der Bühnenadaption von John von Düffel nach der Romanvorlage von Sophie van der Stap  hat sich das Privattheater nicht den einfachsten Stoff ausgesucht. Schließlich geht es um Krebs, ein Thema, das zwar leider nicht wenige Menschen betrifft, aber das nicht unbedingt das Lieblingssujet für einen launigen Theaterbesuch ist.

Brichst du auf gen Ithaka, wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und Erkenntnisse […] (Konstantinos Kavafis)

Mit diesem Zitat nimmt Regisseur Wolf-Dieter Sprenger die Zuschauer per Videoeinblendung mit auf Sophies Reise. Sophie ist eine Mittzwanzigerin, Studentin, kokett, abenteuerlustig, noch etwas unsicher, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte. Es ist Silvesternacht, die Sophie mit ihrer Freundin Annabel feiert. Die Freundinnen tauschen gute Vorsätze aus, Sophie beginnt einen Flirt mit Fotograf Martin. Die Welt steht ihr offen. Wenige Tage später bekommt sie eine niederschmetternde Diagnose: Krebs. Überlebenschance: 15 Prozent. Ihr Kampf gegen die Krankheit, für das Recht auf ein einigermaßen normales Leben auch während der Chemotherapie beginnt. Dabei helfen ihr Stella, Lydia, Sue und Daisy, das Leben aus völlig neuen Perspektiven zu sehen. So nennt sie ihre Perücken.

14. Juni. Perücken sind mehr als nur Haare. Sie machen etwas mit mir, nicht nur mit meinem Kopf. Wenn ich anders aussehe, fühle ich mich auch anders, rufe andere Reaktionen hervor, je nachdem ob ich Stella bin, Lydia, Sue oder Daisy… (Auszug aus Sophies Blog)

Meine Meinung zur Inszenierung: Achim Römer, verantwortlich für die Ausstattung, hat vor und hinter die Bühne jeweils einen Leuchtrahmen gesetzt. So schafft er eine Umklammerung, die man durchaus als eine Pforte hinein und eine Pforte aus dem Leben heraus interpretieren kann. Dem, was dazwischen statt findet, dem Leben, setzt er damit räumlich und symbolisch klare Grenzen. Dieses Bild hat mich beeindruckt.

Kristin Suckow als Sophie ist die perfekte Besetzung. Ihre Verletzlichkeit, aber gleichzeitig ihr Kampfgeist und ihre Lebenslust spielt sie mit einer Natürlichkeit, die man eigentlich kaum spielen kann, sondern die einfach da ist. Oliver Warsitz als Sophies Arzt Dr. Leonhard mimt den unnahbaren, scheinbar emotionslosen Oberarzt herrlich unaufgeregt und somit überzeugend. Pascal Pawlowski als Krankenpfleger Bastian hat mit seiner Gemütlichkeit und schönen Gesangsstimme, die er im Laufe des Stückes ein paar Mal zeigen kann, die Sympathien des Publikums auf seiner Seite. Jessica Kosmalla als Sophies Mitpatientin Chantal spielt durchdringend und kann ihre schauspielerische Klasse vor allem in den Momenten zeigen, in denen sie nur mit ihrer Mimik spricht – eine faszinierende Ausstrahlung. Toll integriert wurde in „Heute bin ich blond“ das Jugendensemble des Ernst Deutsch Theater. Die Nachwuchsschauspieler agieren im Stück abwechselnd als Partygäste, Assistenzärzte oder Freunde der Protagonisten.

Zum Schluss rät das Ensemble dem Publikum in den Worten von Udo Lindenberg:

Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los denn alles was du hast ist dieses eine bloß. Nimm dir das Leben und gib’s nie wieder her denn wenn man es mal braucht dann findet man’s so schwer

Am Ende steht ein Theaterabend, der ein ernstes Thema mit so viel Lebensfreude und positiver Energie vermittelt, dass man sich den Ratschlag des Ensembles nur zu gerne zu Herzen nimmt.

 

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